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Statecraft: Staatliches Denken und Handeln in einer hyperkompetitiven, vernetzten Welt

 

Zielgerichtetes staatliches Handeln, auch großer und einflussreicher Staaten stösst in der vernetzten Welt des 21. Jahrhunderts zunehmend an seine Grenzen. Traditionelle Einflussmöglichkeiten wie militärische oder wirtschaftliche Macht ermöglichen oftmals nicht das Erreichen gesteckter politischer Ziele. Die Umsetzung staatlicher Strategien scheitert an mangelnder Koordinierung von Politikbereichen auf nationaler, supranationaler und auf internationaler Ebene.

Schwäche staatlicher Macht und Anarchie einerseits und strategische Inkongruenz bedingt durch innenpolitische Faktoren andererseits stellen ein Sicherheitsrisiko dar, sowohl was die Wahrscheinlichkeit von Konflikten als auch was die Kohäsion von Allianzen und internationalen Partnerschaften betrifft. Ein neues Verständnis der Natur der Macht und ihrer Anwendung im 21. Jahrhundert ist daher unabdingbar. Im Zentrum dieser Überlegungen steht das Konzept der “Statecraft”, der Fähigkeit und der Kunst der Staatsführung, in die Erkenntnisse aller Bereiche von Forschung und Lehre des CASSIS und der Henry-Kissinger-Professur einfliessen.

Wie könnte “Statecraft” im 21. Jahrhundert aussehen? Aufgabe dieses Forschungsprojektes ist es zu beantworten, wie man Staatskunst vor dem Hintergrund zunehmender Unsicherheit, der Verschiebung existierender Machtgleichgewichte und der Anwendung neuer Machststrategien definieren könnte. Kann der Begriff „Statecraft“ für ein internationales System neu konzipiert werden, in dem Staaten nicht mehr die einzigen und auch nicht immer die dominierenden Akteure sind, und in dem sich der Begriff des geografischen Raums tiefgreifend verändert hat? Welche staatlichen Fähigkeiten werden heute benötigt, um für kollektive Sicherheit zu sorgen und individuelle Sicherheit zu gewährleisten? Die Komplexität der damit verbundenen wissenschaftlichen Fragestellungen kann am besten im Austausch mit internationaler Forschung, besonders auf europäischer und transatlantischer Ebene betrachtet werden.

 

Ein erstes Projekt hierzu möchte die historische Bedeutung und das Erbe der Staatskunst erforschen und ausgehend vom 16. Jahrhundert bis heute eine Genealogie des Konzepts erarbeiten. Im Zentrum der Überlegungen stehen vier Variablen : Akteure, sowie Personen, die von Staatsgeschäften ausgeschlossen wurden und sind, Fähigkeiten, die mit Staatsführung in Verbindung gebracht werden, Narrative und Gegennarrative, die Staatskunst begleiten, sowie geographische und imaginäre Räume, in denen Staatskunst ausgeübt wurde und wird. Die zugrundeliegende Hypothese ist, dass sich der Inhalt aller vier Variablen im Laufe der Jahrhunderte verändert hat. Beobachten lässt sich eine Vervielfältigung der Akteure und ihre Professionalisierung, ein verstärkter Bezug der die Staatskunst begleitenden Narrative auf Sicherheit und Kontrolle sowie eine Schrumpfung des geografischen Raums bei einer aktuellen Ausdehnung des virtuellen Raums.

 

Neben Erkenntnissen aus Geschichte, Philosophie, Völkerrecht und den politischen Wissenschaften kommen in diesem Forschungsprojekt ebenfalls Einsichten unter anderem aus der Anthropologie, der Geographie und den Neurowissenschaften zum Tragen. Die transdisziplinär zu erarbeitende Genealogie soll es ermöglichen, Staatskunst neu zu betrachten und zu prüfen, ob und wie sie den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht werden kann.

 

Ansprechpartnerin: Johanna Möhring, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Henry-Kissinger-Professur [Email protection active, please enable JavaScript.]

 
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