Das Kaspische Meer - Binnensee am äußersten Rande Europas

28. November 2023 | 18:15-19:45 Uhr | Hörsaal III, Hauptgebäude Universität Bonn

Das sicherheitspolitische Bild im kaspischen Raum wurde nach dem Ende der bipolaren Weltordnung radikalen Umbrüchen unterworfen. Die Auflösung der Sowjetunion hat mit den Regionen beiderseits des Kaspischen Meeres einen Raum hinterlassen, der durch eine komplexe sicherheitspolitische Konstellation gekennzeichnet bleibt. Aufgrund der beträchtlichen Energievorkommen sowie der exponierten geographischen Lage zwischen mehreren strategischen Ellipsen präsentiert sich der kaspische Raum immer wieder als Schauplatz rivalisierender Partikularinteressen und des geopolitischen Gerangels um neue Pipelinerouten.
Seit Jahrzehnten bestimmen nun die kontroversen außenpolitischen Interessenlagen der externen Akteure und diverse sicherheitspolitische Allianzen die regionale Dynamik. Während Russland demonstrativ bemüht ist, seine hegemonialen Mitwirkungsansprüche an den regionalen sicherheitspolitischen Prozessen aufrechtzuerhalten, ist seit Anfang der 2000er Jahre eine zunehmende wirtschafts- und sicherheitspolitische Aktivität einer anderen Weltmacht zu beobachten. Mit dem Herzstück seiner Außenpolitik, der Seidenstraßeninitiative, positioniert sich China nach und nach als eine starke Regionalmacht und ringt um die Entscheidungsautonomie im kaspischen Raum. Im Lichte der geopolitischen Umbrüche sucht Ankara ebenfalls nach neuen strategischen Handlungsräumen. Vor allem im kaspischen Raum, wo die Türkei mit vielen Ländern und Ethnien kulturelle, konfessionell-ideologische, aber auch wirtschaftliche Gemeinsamkeiten teilt, wird eine neue geostrategische Verortung angestrebt.
Zweifellos sind die Beziehungen zwischen diesen Regionalakteuren nicht gerade konfliktfrei. Innerhalb dieses Machtdreiecks lässt sich allerdings eine gewisse Interessenkonvergenz beobachten, die sich in einer Herrschaftsordnung manifestiert, die westlichen Akteure aus der regionalen sicherheitspolitischen Architektur zu verdrängen.
Was bedeuten diese geänderten Rahmenbedingungen für die Europäische Union, die seit Jahren versucht, ihre außenpolitische Vision in diesem strategisch hochrelevanten Korridor zu definieren. Das Hauptaugenmerkt des Vortrags richtet sich auf diese Problematik, indem die Risiken und Chancen der neuen geopolitischen Umbrüche im kaspischen Raum für die EU illustriert werden. Auf der Grundlage dieser Überlegungen werden zudem strategische Zukunftsszenarien für das europäische Engagement diskutiert.


Programm

Vortrag:

Dr. Shushanik Minasyan-Ostermann

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Universität Bonn

 

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