Wie entscheidend der Faktor Charisma sei, variiere zwischen den einzelnen Staaten. Zwar sei in den letzten Jahren eine Zunahme der Bedeutung von Charisma zu erkennen; der Blick richte sich verstärkt auf einzelne Akteure statt auf Staaten. In Deutschland sei dieser Faktor jedoch weiterhin weniger wichtig als etwa in den USA.
Willy Brandt sei einer der wenigen deutschen Politiker gewesen, dessen Charisma auch heute noch in Erinnerung sei. US-Präsidenten hingegen stünden wesentlich häufiger im Rampenlicht; dort spiele Charisma eine zentrale Rolle.
Dr. habil. Hendrik Ohnesorge betonte, dass Charisma zunächst neutral zu betrachten sei. Was Menschen mit der ihnen eigenen Ausstrahlung anfangen, variiere jedoch stark: Charisma könne sowohl für gute als auch für schlechte Zwecke eingesetzt werden. Da Charisma primär an Emotionen appelliere, reduziere dies die Zugänglichkeit für faktische Argumente sowie die allgemeine Kritikfähigkeit.
Den Missbrauch von Charisma nennt man „Dark Charisma“. Insbesondere manipulative, narzisstische und psychopathische Tendenzen können ein solches Dark Charisma begünstigen und Machtmissbrauch ermöglichen.
Charisma stehe jedoch grundsätzlich in einem Spannungsverhältnis zu demokratischen Systemen. Dr. habil. Hendrik Ohnesorge betonte, dass auch positiv wahrgenommene Charismatiker teils Regeln brechen und sich über bestehende Ordnungen hinwegsetzen würden. Der Grat zwischen „Führung und Verführung“ sei hier schmal, so Ohnesorge.