Dr. Landry Charrier argumentiert in seinem Meinungsbeitrag auf dokdoc.eu, dass Meinungsverschiedenheiten zwischen Deutschland und Frankreich nichts Neues und keine Krise an sich sind. Entscheidend war schon immer, sie in europäische Kompromisse zu übersetzen. Beide Länder galten lange als „unvollständige Mächte“: Deutschland war wirtschaftlich stark, aber zurückhaltend, Frankreich hatte militärische und diplomatische Ressourcen, aber weniger wirtschaftliches Gewicht. Gerade diese gegenseitige Abhängigkeit machte die Zusammenarbeit notwendig.
Heute verschiebt sich das Gleichgewicht. Deutschland gewinnt durch hohe Verteidigungsausgaben an Handlungsspielraum und verspürt weniger Zwang zu gemeinsamen Projekten, nachdem das Rüstungsprogramm FCAS gescheitert ist. Frankreich wiederum ist durch Verschuldung und politische Fragmentierung geschwächt. In Deutschland wächst die Sorge vor einem möglichen Sieg des Rassemblement National 2027, in Frankreich die vor einem neuen Machtungleichgewicht. Der Autor weist aber darauf hin, dass auch Deutschland nicht automatisch berechenbar bleibt, wie die AfD-Wahlerfolge zeigen.
Sein Kernargument: Interdependenz ist eine Versicherung gegen Misstrauen, nicht nur Ausdruck von Vertrauen. Es ist sinnvoll, Abhängigkeiten von Russland, China oder den USA zu verringern. Wenn Berlin und Paris aber ihre gegenseitigen Abhängigkeiten abbauen, schwächen sie die Bindungen, die einen Bruch erschweren und Kompromisse erzwingen. Weniger wechselseitige Verwundbarkeit bedeute daher am Ende weniger kollektive Macht für Europa.